18/05: Mein Bettler

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Jeden Tag sitzt er auf der Treppe zur Chiesa Valdese an der Piazza Cavour. Um bequemer zu sitzen, hat er eine Harasse mit einem Karton dort deponiert. Wenn er mich sieht, winkt er. Seinen Namen kenne ich nicht. Auch sein Schicksal nicht, das ihn zum Bettler gemacht hat. Sein Markenzeichen sind ein faltiges freundliches, wettergebräuntes Gesicht und ein kleines Holzkreuz, das er um den Hals trägt.

Der wichtigste Tag für ihn ist der Sonntag. Die Gottesdienstbesucher kennen ihn. Die meisten geben ihm einen Batzen. Davon kann er wieder ein paar Tage leben. Am letzten Sonntag fehlte er vor der Tür. Etwas muss nicht stimmen. Denn schon am Samstag und am Freitag war die Harasse unbesetzt. Meinen Batzen kann ich ihm nicht geben.

Ist ihm etwas zugestossen?
Gestern begegnete ich ihm auf der Strasse. Strahlend begrüsst er mich: er sei im Spital gewesen, Gott sei Dank gehe es ihm jetzt wieder gut. Meinen Batzen nimmt er gern.

Dieser Mann ist nicht der einzige Bettler in Rom. Er hat viele, sehr viele Schicksalsgenossen und Schicksalsgenossinnen, bei einigen muss man auch sagen „Berufs“kollegen. Sie fehlen vor kaum einer der vielen Kirchentüren. Manche stellen ihre Wunden, andere ihre verkrüppelten Beine oder Arme oder ihre kleinen Kinder zur Schau. Mir ist das peinlich. Da bin ich froh, dass ich schon „meinen“ Bettler habe, einen Menschen, mit dem ich über die geschäftliche Beziehung hinaus einen persönlichen Kontakt pflegen kann.


17/05: Auffahrt...

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Posted by: Tobler
…ist in Italien kein Feiertag. Am Tag der Himmelfahrt Christi wird wie gewöhnlich gearbeitet, auch die Vorlesungen finden statt. Immerhin lesen wir in der Morgenandacht den Text zur Auffahrt und singen ein Auffahrtslied – nach einer Melodie, die ich als Weihnachtslied kenne („Hark, the Herold angels sing…“); die Melodie von Mendelssohn ist auch an Auffahrt schön.
Dank einem Geburtstag gibt es am Mittag auf der Terrasse ein festliches Sonntagsessen. Am Abend gehe ich in den gemeinsamen Gottesdienst mit den Methodisten und Lutheranern in die lutherische Kirche.

Italien kommt mit Feiertagen nicht zu kurz. Einer der höchsten Feiertage ist das Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August.

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Posted by: Tobler
…hat mich getreulich nach Rom begleitet. Hier, in der grossen Aula der Fakultät, habe ich sogar ein vorzügliches Übungslokal. Das geniesse ich sehr.
Heute habe ich in dieser Aula einen Auftritt – die „relazione“ , mein Referat im Seminar für Kommunikation. Als Thema habe ich gewählt „Der Alphornklang und der Klang meines Dialekts“.
Es ist mein erstes Referat auf Italienisch. Ich bin froh, dass ich auf Power-Point nicht nur Bilder von unsern Alphornauftritten in den Bergen, sondern auch einige Stichworte auf Italienisch vorbereitet habe. Ein Mitstudent hat mir geholfen, dass wenigstens das geschriebene Wort ohne Fehler daherkommt.

Selber habe ich bei diesem Referat neu realisiert:
• Das Alphorn – wie jedes Blasinstrument – basiert auf dem Atem. Atem heisst auf Griechisch „pneuma“, auf Lateinisch „spiritus“. Das bedeutet eigentlich, dass jeder Ton mit der Stimme oder dem Blasinstrument ein „geistliches“ Ereignis ist.
• Das Alphorn ruft und ruft damit nach einer Antwort; eine Antwort ist das Echo in den Bergen. Echo bekomme ich unmittelbar nach dem Referat: eine rumänische Mitstudentin zeigt mir ein Bild von Horn-Bläsern aus den Bergen Rumäniens. Ein anderes Echo kommt aus Apulien: nächsten Sonntag werde ich in dort zu einem Gottesdienst im Freien mit dem Alphorn erwartet.

Und der Dialekt? Dass wir sogar „ds Alte Teschtamänt bärndütsch“ und „ds Nöje Teschtamänt bärndütsch“ haben löst Erstaunen aus. Denn Italien kämpft mit einer schwierigen Spannung: es braucht die gemeinsame Sprache, das Italienisch. Je mehr Italiener aber „gut Italienisch“ sprechen, umso mehr verlieren sich die Dialekte und ihr Reichtum. Auch zum Dialekt bekomme ich ein Echo: „Das tönt ja ganz anders als !“.

15/05: Masken

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Posted by: Tobler
Im Museo Teatrale del Burcardo bin ich der einzige Besucher mitten im geschäftigen Rom. Die Ausstellung ist klein, aber fein. Besonders interessiert mich der Raum mit den alten Masken der Comedia dell’Arte: Zu den häufigsten Masken gehören die von Harlekin und Pulcinella. Harlekin ist der Clown, Pulcinella mit der Vogelnase ein schlauer Bauer.
Wie komme ich darauf, dieses kleine Museum zu besuchen?

In der praktischen Theologie machte uns Professor Benedetto auf das Buch von Dario Fo „Manuale minimo dell‘attore“ –„ Kleines Handbuch für einen Schauspieler“ aufmerksam.
Dieses Buch lese ich zurzeit mit Staunen und Gewinn; ich bin ja schliesslich Mitglied des Theatervereins Müntschemier und langsam aber sicher gehen wir auf unser nächstes Grossprojekt zu. Die Comedia dell’arte spielt bei Darius Fo eine wichtige Rolle, ebenso der Gebrauch der Masken. Er zeigt auf, dass ein Schauspieler, der eine Maske trägt, auf den Gesichtsausdruck verzichten und sich mit seinem übrigen Körper, mit Haltung und Bewegung ausdrücken muss. Die Maske wird zur zusätzlichen Herausforderung, dient also nicht dem Verstecken, fordert vielmehr dazu auf, mehr aus sich herauszugehen.

Erinnerungen an die alte Kunst der Comedia dell’arte erlebte ich in einer theatralischen Inszenierung nach dem Roman „Orlando“ von Virginia Wolf im Teatro Argentina neben dem Palazzo Burcardo.

Die Auseinandersetzung mit der Maske hat eine theologische Dimension. In den alten Glaubensbekenntnissen heisst es, Gott habe „drei Personen und eine Substanz“. Für unsere heutigen Ohren tönt das absurd. „Persona“ ist aber das lateinische Wort für „Maske“. „Personare“ heisst „hindurch-tönen“.
Gott hat drei „Masken“: „Schöpfer“, „Jesus Christus“ und „Heiliger Geist“ – ist und bleibt derselbe Gott. Hinter den Masken versteckt er sich nicht, sondern zeigt, wer er für uns sein will, sein Wort tönt durch die drei „Personen“ hindurch.

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Posted by: Tobler
Sonntagnachmittag, es ist heiss. Ich suche und finde Schatten im Park von Castel Sant Angelo. Schon von fern höre ich viele Stimmen und Gelächter. Dann sehe ich eine grosse Frauenschar in weiten Gewändern, die auf dem Rasen ihr Pic-nic abhält. Touristinnen aus Indien? Saudi Arabien?
Beim Nähertreten wird mir klar: das sind alles Nonnen. Mit Indien bin ich nicht so daneben. Viele der Nonnen haben dunkle Gesichter – kommen von weit her. Die meisten sind jung, einige sehr jung. Sie bewegen sich leicht und schnell, hüpfen zwischenhinein vor Freude oder Übermut und lachen. Sie scheinen den Tag hier sehr zu geniessen.
Übrigens sehen sie sehr elegant aus mit ihren langen, grauen Röcken, darüber einem leuchtend blauen Umhang und dem blauen Schleier, der im Wind flattert. Die eine oder andere hätte ohne weiteres einem alten Meister Modell sitzen können für ein bezauberndes Madonnenbild.

Nicht zum ersten Mal sehe ich in Rom junge Ordensleute. Die meisten von ihnen stammen – dem Aussehen nach zu schliessen - aus Asien oder Afrika.
Was bewegt diese jungen Leute, in einen Orden zu treten oder Priester zu werden?

Sind sie in Ländern aufgewachsen, wo Glaube und Religion spontaner und unbefangener gelebt werden als bei uns, weniger verkrampft? Hat der Eintritt in die Ordensgemeinschaft auch eine soziale Seite? Der Orden gibt ihrem Leben einen Sinn und eine Richtung; sie bekommen einen Auftrag, eine Aufgabe, eine Ausbildung und Kost und Logis. Das alles ist ihnen – vor allem den Frauen – vielleicht sonst versagt. Befreit sie der Eintritt ins Kloster aus einer Aussichtslosigkeit, in der sie sonst gefangen wären? Das spürte ich auch in einem Gespräch, das ich einmal im Zug mit einem schwarzen Pater, der als Spitalseelsorger in Italien arbeitet, führte.

Vom Park aus gehe ich in ein Café. An der Kasse sitzt eine modisch geschminkte junge Frau. Sie gehört zu den privilegierten Italienerinnen mit einem Arbeitsplatz (allerdings kaum einem gut bezahlten!). Sie sieht fürchterlich gelangweilt aus. Auch einige der Besucherinnen und Besucher des Cafés – trotz der servierten Köstlichkeiten. Was mache ich selber für ein Gesicht, wenn ich so vor mich hin sinne?
Vielleicht haben die fröhlich hüpfenden Nonnen uns wirklich etwas zu bringen!

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Im zweiten Anlauf gelange ich wirklich nach Tivoli: eine Stadt auf dem Hügel, Sonne und ein erfrischender Wind empfangen mich. Auf einer Brücke überquere ich den Fluss und gelange vom Bahnhof ins Stadtzentrum. Ich frage mich durch nach dem Bus zur Villa Adriana. Weil zwei Busgesellschaften fast an den gleichen Ort führen, wird die Lage leicht verwirrt. Schliesslich entwirre ich die Sache mit einem Fussmarsch in der Mittagshitze.

Aber es lohnt sich: die Villa Adriana ist ein riesiges Gelände, am Fusse eines Hügels, eingebettet in eine Naturlandschaft, die wir dem Zerfall der Villa verdanken. Olivenbäume, Pinien und Zypressen, roter Mohn und gelber Ginster, dazwischen die Ruinen. Besonders eindrucksvoll der Teich, in dem sich Kariatyden, elegante, mehr oder weniger bekleidete Damen aus Marmor, spiegeln. Früher mussten sie die schwere Last eines Daches tragen, heute stehen sie unbeschwerter am Teich.
In dieser Villen-Anlage hatte der Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) seine Reiseeindrücke in Marmor und Stein zusammengefasst. Er war weitgereist, entsprechend weitläufig geriet die Villa.

Zurück in Tivoli besuche ich eine zweite Villa, etwas weniger alt, dementsprechend ist noch mehr davon zu sehen. Hier hat sich im 16. Jahrhundert Kardinal Ippolito d’Este ein Denkmal gesetzt. Der Palast liegt an der Kante des Hügels, ist innen farbenprächtig und reich bemalt.
Berühmt geworden ist die Villa d‘Este durch ihre Gartenanlage, in den Hang des Hügels kunstvoll eingefügt. Grossartige, phantasievolle Wasserspiele erfreuen noch heute die Besucher. Zwischen den hohen Bäumen zeigen sich blau schimmernde Hügel jenseits des weiten Tales. Unendlich lässt sich in diesem Garten gehen, Wasser und Schatten in immer neuen Spielen lassen die beträchtlichen Höhendifferenzen auf diesem Spaziergang vergessen.

Herrscher-Willen verdanken wir beide Villen. Heute wohnt keiner mehr drin, der Angst hat vor Attentaten. Die Villen sind für die ganze Bevölkerung (d.h. allen, die den Eintrittspreis bezahlen können) offen.

Mir haben die beiden Villen ein eindrückliches Kultur- und Landschaftserlebnis beschert.

11/05: Sciopero

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Herrliches Frühlingswetter – keine Vorlesungen. Was liegt näher als ein Ausflug in die Berge? Nach Tivoli, dorthin, wo sich schon die alten (und reichen!) Römer während des Sommers zurückgezogen haben.

Früh stehe ich auf. Ich muss nach Roma Tiburtina, einer Bahnstation, die ich nicht kenne; die Billetautomaten sind auch ein Abenteuer, also genug Zeit einrechnen. Beim Frühstück erkundige ich mich nach der besten Busverbindung: „Nein, du musst die Metro nehmen, das geht schneller!“ Also zur Metro. Ich stecke mein Abonnement in den Schlitz bei der Eingangsperre, die Tür springt auf: „Die Metro fährt nicht mehr! Nehmen Sie einen Bus!“, ruft mir ein Uniformierter zu. „Ausgerechnet am Freitagmorgen machen sie Revisionsarbeiten bei der Bahn – sonst doch nur am Wochenende!“, denke ich. Also auf zum Ersatzbus – wie ich als naiver Schweizer meine. Niemand weiss etwas davon. Ich suche eine neue Lösung. Mit dem nächsten Bus zurück an die Piazza Cavour, wo ich eine Buslinie kenne, die auch nach Roma Tiburtina führt. Es klappt. Bald stehe ich an der Haltestelle Piazza Cavour. Dort flimmern ab und zu elektronische Mitteilungen auf. Viele Busse werden angekündigt, nur meiner nicht. Schliesslich entziffere ich im grellen Sonnenlicht die Mitteilung: „sciopero! – Streik. Sie riskieren nicht ans Ziel oder nicht zurückzukommen!“ Nun haben mein Ärger und meine Frustration wenigstens einen Grund.

Nach 45 Minuten bin ich von meinem „Ausflug in die Berge“ zurück. Plötzlich habe ich einen Tag Zeit zu lesen. Auch gut! Zudem kann ich mich in italienischer Geduld und Flexibilität üben.
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Spaziergang über den Aventin – ein ruhiges Quartier, ganz in Grün: Gärten, Villen, Bäume. Vom Park bei der Kirche Santa Sabina sehe ich auf die hohen Platanen, die viele Strassen säumen und gnädig den Verkehr zudecken. Mitten im Grün liegt auch San Anselmo, die Ausbildungsstätte der Benediktiner. Ruhe und Bescheidenheit kommen mir in diesen Gebäuden entgegen.

Wenige Tage später gelange ich in einen andern Park: Villa Montecelio. Auch dieser Park liegt auf einem Hügel und lässt den Blick über ein grünes Dach von Nadel- und Laubbäumen schweifen. Das Grün und die Bänke laden zum Verweilen ein.

In weiser Voraussicht habe ich die Lektüre für die Kirchengeschichte mitgenommen. Ich lasse mich auf einer Bank nieder und vertiefe mich in das Leben und Wirken der Heiligen Katharina von Siena. Sie hat im 14. Jahrhundert gelebt, ist in ihrer Heimatstadt Siena, in der Toskana und in Rom tätig gewesen und mit nur 33 Jahren gestorben. Ihr kurzes Leben hat eine lange Wirkung. Schon 80 Jahre nach ihrem Tod wird sie zur Schutzpatronin Roms, 1866 zur Schutzpatronin ganz Italiens – 1970 erklärt sie der Papst gar zur „Doktorin der Kirche“.

Diese Geschichte – dieser Ort der Ruhe und des Friede, voller Grün und Leben: hat mich ein Zipfel des Schutzmantels von Katharina berührt? Mich, den reformierten? Wenn ja, dann glaube ich, dass dessen Farbe grün ist.


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Das trifft zu für die Apotheke Santa Maria Novella in Florenz. Kurz vor unserer Abreise besuchen wir unsere Gastgeberin Martha hier an ihrem Arbeitsplatz.
1381, so ist es dokumentiert, haben die Dominikanermönche ein Desinfektionsmittel auf Rosenbasis verkauft, das zu Zeiten von Seuchen von grosser Bedeutung war. Seit 1612 befindet sich in den diesen Räumlichkeiten eine Apotheke, die seit 1866 von der gleichen Familie geführt wird. Die Apotheke gehört zur grossen Klosteranlage, die mit der Kirche Santa Maria Novella verbunden ist.

Wir wandeln unter kundiger Führung durch diese Hallen; noch heute werden in den altehrwürdigen Schränken und Gefässen Öle, Salben und Parfumerieartikel aufbewahrt. Kundinnen und Kunden aus aller Welt kommen und gehen. Angestellte aus Korea und China bedienen ihre Landsleute in der Muttersprache. Die internationale Ausstrahlung ist der Apotheke erhalten geblieben.

Hinter einem Vorhang führt uns Martha in die ehemalige Kapelle. Zurzeit wird sie – wegen andern Renovationsarbeiten – als Depot benutzt. Ziel ist es, sie wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zu zuführen. Dann werden die wunderbaren Fresken von Mariotto di Nardo neu zur Geltung kommen. Sie stellen die Passion Jesu dar; speziell ist, dass Jesus beim Abendmahl mit seinen Jüngern an einem runden Tisch sitzt. Hinweis für einen runden Tisch bei den brennenden Fragen heutiger Medizin? Eine„Medizinal-Kapelle“ als für den ganzheitlichen Umgang mit Schmerz und Krankheit?


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Mit Stolz zeigt uns Joana „ihre“ baptistische Kirche in Florenz. Sie ist oval gebaut, hat eine fast das ganz Oval umlaufende Empore. „Diese Kirche war zuerst ein Theater für dieses Quartier. In diesem Theater wurde die Florentiner Fasnachtsfigur des Stenterello kreiert. Die einzige Aufführung von Hamlet, die je in Florenz stattgefunden hat, ist hier über die Bühne gegangen.“ Dort steht jetzt eine schlichte Kanzel. Aus dem Souffleurkasten haben die Baptisten ein Taufbecken gebaut. Denn der (erwachsene!) Täufling wird vom Pfarrer auf ur-christliche Weise ganz untergetaucht.

Im Vorsaal des ehemaligen Theaters ist heute die Florentiner Niederlassung der „Claudiana“. Sie ist für den Druck und die Verbreitung von protestantischem Gedankengut besorgt. Die Buchhandlungen habe sich zu einem Kristallisationspunkt für das religiöse und kulturelle Leben der jeweiligen Stadt entwickelt. Hier in Florenz arbeiten Waldenser, Baptisten, Methodisten und sogar die Adventisten eng zusammen. Bei der Literatur für Religionspädagogik besteht eine gute Zusammenarbeit mit den Katholiken.

Auch die Waldenserkirche, wo wir am Sonntagmorgen den Gottesdienst besuchen, hat eine besondere Geschichte. Ursprünglich war es eine anglikanische Kirche, gebaut für die vielen Engländer, die im 19. Jahrhundert hier in Florenz lebten. Anlässlich der 450-Jahr-Feier der Reformation wurde die Kirche 1967 den Waldensern übergeben. Mit reformierter Selbstverständlichkeit haben die Waldenser alle Skulpturen aus der Kirche entfernt. Einzig die Engel, die die Kanzel (und den, der darauf predigt!) tragen, durften bleiben. Die Statue über dem Kircheneingang wurde ersetzt durch eine Bibel aus Holz. Diese Handarbeit wird es wohl nie in einen Kunstführer schaffen – gibt der kleinen und aktiven Gemeinde aber eine Identität. Der Freundschaft mit den Anglikanern hat dies keinen Abbruch getan.

 
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