Ich hatte gerade meinen Schwimmkurs hinter mich gebracht, als meine Eltern mit mir ans Meer fuhren. Sie meinten es gut mit mir. Aber das Wasser des Meeres war mit dem des bescheidenen Hallenbades, in dem ich Schwimmen gelernt hatte, nicht zu vergleichen. Skeptisch stand ich am Strand, den Blick auf das Meer. So richtig traute ich mich nicht hinein. Dann kam mein Vater mit einer Luftmatratze und wollte mit mir ins Wasser gehen.
Er warf die Matratze in die Wellen. Sie schaukelte hin und her. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. Mit einem schüchternen Satz wollte ich mich auf das geblümte Ding werfen. Doch das Meer hatte anderes vor. Während ich sprang erfasste eine mittelgroße Welle die Luftmatratze. Das Ende vom Lied war, dass wir einfach die Plätze tauschten. Anstatt auf dem schützenden Luftpolster landete ich im Wasser, spürte, wie die Wellen über meinem Kopf zusammenbrachen. Ich kämpfte um mein Leben. Jedenfalls kam es mit so vor. Damals, als fünfjähriger, mit Salzwasser in Mund und Nase. Nein, das war kein Spass.
Trotzdem: das Meer hat für mich seine Faszination nie verloren. Im Gegenteil. Sie wurde immer größer. Stell dir vor: Du stehst am Meer. Du, ein Mensch, unendlich klein. Dir gegenüber die unermessliche Weite. Das Meer wühlt deine Ängste auf, erinnert dich an deine Hilflosigkeit, an die Ohnmachten, denen du ausgeliefert warst. Aber du hast festen Boden unter den Füßen, spürst den sicheren Grund, kannst zurück treten. Trotzdem zieht dich die Gefahr auch an. Ein bisschen Grausen muss jedeR bestehen. Du spürst. Gischt spritzt dir ins Gesicht. Der Wind zerzaust dein Haar. Und du erinnerst dich: Du bist auch schon davongekommen. Bist gerettet worden. Und du wirst es wieder werden, auch zu guter Letzt.
Spazieren am Meer tut gut. Dir und deiner Seele. Denn das Meer nimmt dir deine Angst. Saugt sie auf. Auch deine Wut. Das Meer klärt dich, macht dir dein Herz fest. Und weitet deinen Horizont, vor dem auch deine Probleme ihre Übermäßigkeit verlieren.