08/07: Pfingstwunder an der WM
Eines der Pfingstwunder ist die Aufhebung des babylonischen Sprachwirrwarrs: Plötzlich sprechen Menschen in unterschiedlichsten Sprachen miteinander und verstehen sich. Dieses Wunder hat an der Fussball-WM eine heitere Neuinterpretation erfahren. Der nordkoreanische Coach gibt seinem Spieler Anweisungen. Ein fremder Spieler - Eboué von der Elfenbeinküste - steht musterschülermässig mit hohlem Kreuz dabei. Er hört aufmerksam zu, und zum Schluss nickt er eifrig, als hätten ihm die Traineranweisungen vollkommen eingeleuchtet. Der koreanische Assistent glaubt nicht, was er sieht, und amüsiert sich köstlich. Eine wahrlich göttliche Szene.
11/03: Auferstehen mit Johnny Cash
Wer sich mit dem Sterben befasst, kommt um Johnny Cash nicht herum. Der Country-Sänger ist nun zwar selber schon einige Jahre tot, aber in schöner Regelmässigkeit erscheinen weiterhin Alben mit Liedern, die er in den letzten Jahren vor seinem Tod zusammen mit Produzent Rick Rubin aufgenommen hat. Das bislang letzte Dokument dieses Prozesses ist das kürzlich erschienene Album "American VI: Ain't no Grave".
Ergreifend ist die Ruhe und die (federleichte) Bestimmtheit, die in diesen Aufnahmen liegen. Die Brüchigkeit seiner Stimme, die in den kurz zuvor entstandenen Aufnahmen tonangebend war, hat hier, im letzten Augenblick, einer tiefen Zufriedenheit Platz gemacht. Diese Zufriedenheit schaut ebenso freundlich zurück, wie sie hoffnungsfroh nach vorn blickt.
Vorn ist allerdings der Tod. Cash sang diese Lieder unter Schmerzen, an den wenigen Tagen, an denen er überhaupt noch die Kraft zum Singen hatte. Aber davon ist hier nichts zu spüren. Cash hat kein Sterbe-, er hat ein Auferstehungsalbum gemacht. Um daran auch bei Theologen keine Zweifel aufkommen zu lassen, nennt er ein Lied "1 Corinthians 15:55". Der 1. Korinther ist ein Brief des Apostels Paulus. In Kapitel 15 deliriert Paulus über die Auferstehung der Toten. Und in Vers 55 zitiert er alttestamentliche Propheten, deren Worte nun mit Jesus Christus und der Auferstehung in Erfüllung gegangen seien: "Tod, wo ist dein Stachel / Tod, wo ist dein Sieg?"
Cash singt das und der Hörer merkt: So absurd und kontrafaktisch die Worte auch sind, so überzeugend werden sie plötzlich, wenn ein Sterbender sie mit dieser heiteren Zuversicht singt. Das Lied endet: "Hoffnung sprudelt auf ewig ... / wenn ich meinen Schöpfer seh, wie er mich ruft". Der Schöpfer hat gerufen, und Cash hat dem Tod bis zuletzt keine Chance gelassen.
Und jetzt habe ich ein kleines Problem: Cashs Version seines Lieds ist online nicht verfügbar. Deshalb an dieser Stelle eines der beliebten Karaoke-Videos: Ein junger Man spielt "1 Corinthians 15:55" nach, und er macht seine Sache ordentlich. Und das Original, das müssen Sie sich sowieso kaufen.
(Den ganzen Text finden Sie hier: http://lyrics.wikia.com/Johnny_Cash:I_Corinthians_15:55
Ergreifend ist die Ruhe und die (federleichte) Bestimmtheit, die in diesen Aufnahmen liegen. Die Brüchigkeit seiner Stimme, die in den kurz zuvor entstandenen Aufnahmen tonangebend war, hat hier, im letzten Augenblick, einer tiefen Zufriedenheit Platz gemacht. Diese Zufriedenheit schaut ebenso freundlich zurück, wie sie hoffnungsfroh nach vorn blickt.
Vorn ist allerdings der Tod. Cash sang diese Lieder unter Schmerzen, an den wenigen Tagen, an denen er überhaupt noch die Kraft zum Singen hatte. Aber davon ist hier nichts zu spüren. Cash hat kein Sterbe-, er hat ein Auferstehungsalbum gemacht. Um daran auch bei Theologen keine Zweifel aufkommen zu lassen, nennt er ein Lied "1 Corinthians 15:55". Der 1. Korinther ist ein Brief des Apostels Paulus. In Kapitel 15 deliriert Paulus über die Auferstehung der Toten. Und in Vers 55 zitiert er alttestamentliche Propheten, deren Worte nun mit Jesus Christus und der Auferstehung in Erfüllung gegangen seien: "Tod, wo ist dein Stachel / Tod, wo ist dein Sieg?"
Cash singt das und der Hörer merkt: So absurd und kontrafaktisch die Worte auch sind, so überzeugend werden sie plötzlich, wenn ein Sterbender sie mit dieser heiteren Zuversicht singt. Das Lied endet: "Hoffnung sprudelt auf ewig ... / wenn ich meinen Schöpfer seh, wie er mich ruft". Der Schöpfer hat gerufen, und Cash hat dem Tod bis zuletzt keine Chance gelassen.
Und jetzt habe ich ein kleines Problem: Cashs Version seines Lieds ist online nicht verfügbar. Deshalb an dieser Stelle eines der beliebten Karaoke-Videos: Ein junger Man spielt "1 Corinthians 15:55" nach, und er macht seine Sache ordentlich. Und das Original, das müssen Sie sich sowieso kaufen.
(Den ganzen Text finden Sie hier: http://lyrics.wikia.com/Johnny_Cash:I_Corinthians_15:55
Zufall oder nicht: Nun ist soeben das ultimative Bibelalbum eines nicht eben bibeltreuen Amerikaners aus Durham, North Carolina erschienen. John Darnielle, bekannter unter dem Bandnamen Mountain Goats (wo ihn wechselnde Mitmusiker unterstützen), legt mit „Life of the World to come“ eine Platte vor, deren 12 Songs nach 12 Bibelstellen benannt sind. „1 Samuel 15:23“, „Psalms 40:2“, ... - da läuft dem Bibelfreund das Wasser im Mund zusammen.
Diese Bibelstellen transponiert Darnielle in kleine Erzählungen, konkrete Szenen der Jetztzeit. Mit grosser Präzision und Ruhe (wie das Amerikaner seit Raymond Carver gern tun) zeichnet er Menschen und Situationen, denen ein vermeintlich abstrakter Bibelvers in einer speziellen Situation plötzlich das Leben erhellt. Zum Beispiel Jesaja 45,23: „Jeder wird vor mir niederknien und feierlich bekennen: Nur beim Herrn gibt es Hilfe und Schutz“. Nicht gerade einfache Kost, aber kein Problem für Darnielle. Ein Mann liegt im Spital, todkrank, sein Körper fühlt sich an wie eine kaputte Hülle, die er bald ablegen darf. Die Krankenschwester kommt ins Zimmer, wechselt das Bettzeug, und im flatternden Leintuch sieht der Kranke seine Schmerzen davonfliegen. Er kommt mit sich ins Reine, er ist bereit zum Sterben, er hat keine Angst, er versteht Jesaja 45,23.
Die Musik ist eine Art gedämpfter Kammerpop. Zurückhaltend, aber voller kleiner überraschender Melodieentwicklungen, gern klaviergestützt und immer das Gegenteil von Rock. Und die Bibelstellen füllen sich im Lauf dieser Lieder mit soviel menschlichem Leben, dass man sich fragt, wann man wohl die letzte Predigt gehört hat, die Bibelauslegung auf solchem Anschaulichkeitsniveau betrieb.
Diese Bibelstellen transponiert Darnielle in kleine Erzählungen, konkrete Szenen der Jetztzeit. Mit grosser Präzision und Ruhe (wie das Amerikaner seit Raymond Carver gern tun) zeichnet er Menschen und Situationen, denen ein vermeintlich abstrakter Bibelvers in einer speziellen Situation plötzlich das Leben erhellt. Zum Beispiel Jesaja 45,23: „Jeder wird vor mir niederknien und feierlich bekennen: Nur beim Herrn gibt es Hilfe und Schutz“. Nicht gerade einfache Kost, aber kein Problem für Darnielle. Ein Mann liegt im Spital, todkrank, sein Körper fühlt sich an wie eine kaputte Hülle, die er bald ablegen darf. Die Krankenschwester kommt ins Zimmer, wechselt das Bettzeug, und im flatternden Leintuch sieht der Kranke seine Schmerzen davonfliegen. Er kommt mit sich ins Reine, er ist bereit zum Sterben, er hat keine Angst, er versteht Jesaja 45,23.
Die Musik ist eine Art gedämpfter Kammerpop. Zurückhaltend, aber voller kleiner überraschender Melodieentwicklungen, gern klaviergestützt und immer das Gegenteil von Rock. Und die Bibelstellen füllen sich im Lauf dieser Lieder mit soviel menschlichem Leben, dass man sich fragt, wann man wohl die letzte Predigt gehört hat, die Bibelauslegung auf solchem Anschaulichkeitsniveau betrieb.
01/10: Gott segne das Durcheinander
Wenn man vom neuen amerikanischen Zweifel redet, darf David Bazan nicht fehlen. Bazan stammt aus einer evangelikalen Familie im Nordwestzipfel der USA. Lange war er selbst überzeugter Biblizist. Er trat an christlichen Festivals wie Cornerstone auf, bis die Veranstalter ihn da 2005 wegen offensichtlicher Trunkenheit von der Bühne holten. Aber der eigentliche Bruch kam schleichend: Bazans geschlossenes Weltbild bekam Risse, weil die Erklärungen einer allzu wörtlich verstandenen Bibel an Überzeugungskraft verloren.
Gleich das erste Stück auf seinem neuen Album „Curse Your Branches“ geht zur Sache und nimmt sich Adam und Eva vor. Bazan interessiert an der Paradiesgeschichte vor allem die Funktion des Sündenfalls. Der Biss in den Apfel soll uns ja irgendwie erklären, warum heute Schmerz, leidvolle Arbeit, Mord und Totschlag die Welt prägen: „That’s why it’s hard to be a decent human being“ - wegen des Sündenfalls ist es schwierig, ein anständiger Mensch zu sein.
Dann, in der zweiten Strophe, kommt der Bruch: „Wait just a minute / You expect me to believe ..?“ – Einen Augenblick bitte: Und das soll ich glauben? Nun demontiert Bazan die „wunderliche Erklärung“ der Paradiesgeschichte für Leid und Tod auf Erden. Eindrücklich ist die Ruhe und Festigkeit, mit der er das tut (stimmlich ungerührt, musikalisch wie ein Zimmermann). Man bekommt nicht das Bild eines Mannes, dem der Boden unter den Füssen entgleitet. Eher das Bild eines Mannes, dem der Zweifel zwar allerhand Anstrengung abverlangt, die sich aber lohnt, weil offene Fragen ja auch ihr Gutes haben: Man braucht dann keine Angst mehr zu haben, auf die falsche Antwort gesetzt zu haben.
Die Bibel ist also für den Rest der Platte kein Antwortautomat mehr. Sondern ein Buch, das Fragen stellt, die man nicht gleich wieder mit Antworten totschlagen soll, und dann wird’s spannend. Wie nennt Bazan noch das zweite Stück auf der Platte? „God bless this mess“.
p.s.: Bazan ist natürlich ein decent human being. Als seine Plattenfirma ihn bat, eine Konzertpause einzulegen, bis das neue Album erscheint, pausierte er. Beinahe jedenfalls: Statt richtige Konzerte gab er nun in Wohnzimmern quer durchs Land Kammervorstellungen. Aus so einer Vorführung stammt das Youtube-Video.
p.p.s.: Hier ein Link zum Songtext: www.songlyrics.com/david-bazan/hard-to-be-lyrics/. Wenn Sie unten auf "Mehr" klicken, finden Sie eine schnellgefertigte Übersetzung des Songtexts.
Gleich das erste Stück auf seinem neuen Album „Curse Your Branches“ geht zur Sache und nimmt sich Adam und Eva vor. Bazan interessiert an der Paradiesgeschichte vor allem die Funktion des Sündenfalls. Der Biss in den Apfel soll uns ja irgendwie erklären, warum heute Schmerz, leidvolle Arbeit, Mord und Totschlag die Welt prägen: „That’s why it’s hard to be a decent human being“ - wegen des Sündenfalls ist es schwierig, ein anständiger Mensch zu sein.
Dann, in der zweiten Strophe, kommt der Bruch: „Wait just a minute / You expect me to believe ..?“ – Einen Augenblick bitte: Und das soll ich glauben? Nun demontiert Bazan die „wunderliche Erklärung“ der Paradiesgeschichte für Leid und Tod auf Erden. Eindrücklich ist die Ruhe und Festigkeit, mit der er das tut (stimmlich ungerührt, musikalisch wie ein Zimmermann). Man bekommt nicht das Bild eines Mannes, dem der Boden unter den Füssen entgleitet. Eher das Bild eines Mannes, dem der Zweifel zwar allerhand Anstrengung abverlangt, die sich aber lohnt, weil offene Fragen ja auch ihr Gutes haben: Man braucht dann keine Angst mehr zu haben, auf die falsche Antwort gesetzt zu haben.
Die Bibel ist also für den Rest der Platte kein Antwortautomat mehr. Sondern ein Buch, das Fragen stellt, die man nicht gleich wieder mit Antworten totschlagen soll, und dann wird’s spannend. Wie nennt Bazan noch das zweite Stück auf der Platte? „God bless this mess“.
p.s.: Bazan ist natürlich ein decent human being. Als seine Plattenfirma ihn bat, eine Konzertpause einzulegen, bis das neue Album erscheint, pausierte er. Beinahe jedenfalls: Statt richtige Konzerte gab er nun in Wohnzimmern quer durchs Land Kammervorstellungen. Aus so einer Vorführung stammt das Youtube-Video.
p.p.s.: Hier ein Link zum Songtext: www.songlyrics.com/david-bazan/hard-to-be-lyrics/. Wenn Sie unten auf "Mehr" klicken, finden Sie eine schnellgefertigte Übersetzung des Songtexts.
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In den USA häufen sich Fälle von Popsongs, die fundamentale religiöse Fragen stellen. Also nicht zum Typus des Missionsliedes zählen, den Evangelikale benutzen, um neue Anhänger zu gewinnen. Sondern ein aufgeklärter Typus von Lied sind, der den Zweifel nicht für den Teufel hält, vielmehr für einen absolut menschlichen Agitator.
Als Beispiel möge „Dear God“ von den Monsters of Folk dienen. Diese Monster sind eine regelrechte Supergroup von vier individuell erfolgreichen und ganz weltlichen Musiker. Dear God allerdings ist ein Gebet in Liedform, und es nutzt aufs Beste die ungeschützten, ja einfältigen Formulierungsmöglichkeiten, die ein Gebet erlaubt:
I know I’m thinking aloud
but if your love’s Still around
why do we suffer? Why do we suffer?
(Ich weiss, ich denke laut,
aber wenn deine Liebe immer noch da ist
Warum leiden wir? Warum leiden wir?)
Die Musik setzt diese scheinbaren Einfalt raffiniert und stilistisch überraschend um: verträumt fliesst ein sanfter HipHop-Beat. Darüber lösen sich dramatische Harfen-Schwaden, eine Orgel und diverse Gitarren ab, was keine Melodrama auslöst, aber der Einfalt doch ein recht kultiviertes Setting verpasst. Den Gesang teilen sich alle vier beteiligten Musiker, bei allen stimmlichen Unterschieden erinnert er aber jederzeit an gehobene Momente des 70-er-Jahre-Souls. – So etwas erwartet man nicht von vier berühmten Männern, die sonst in den Bereichen Alternative Rock, Folk und Americana zu Hause sind. Passt aber gut, gerade weil es die scheinbare Naivität des Gebets nicht zum Nennwert nimmt, sondern als hochkultivierte Möglichkeit, unsagbar Einfaches zu sagen. Den Text des Gebets finden Sie hier, Sie können einfach mitsingen.
Als Beispiel möge „Dear God“ von den Monsters of Folk dienen. Diese Monster sind eine regelrechte Supergroup von vier individuell erfolgreichen und ganz weltlichen Musiker. Dear God allerdings ist ein Gebet in Liedform, und es nutzt aufs Beste die ungeschützten, ja einfältigen Formulierungsmöglichkeiten, die ein Gebet erlaubt:
I know I’m thinking aloud
but if your love’s Still around
why do we suffer? Why do we suffer?
(Ich weiss, ich denke laut,
aber wenn deine Liebe immer noch da ist
Warum leiden wir? Warum leiden wir?)
Die Musik setzt diese scheinbaren Einfalt raffiniert und stilistisch überraschend um: verträumt fliesst ein sanfter HipHop-Beat. Darüber lösen sich dramatische Harfen-Schwaden, eine Orgel und diverse Gitarren ab, was keine Melodrama auslöst, aber der Einfalt doch ein recht kultiviertes Setting verpasst. Den Gesang teilen sich alle vier beteiligten Musiker, bei allen stimmlichen Unterschieden erinnert er aber jederzeit an gehobene Momente des 70-er-Jahre-Souls. – So etwas erwartet man nicht von vier berühmten Männern, die sonst in den Bereichen Alternative Rock, Folk und Americana zu Hause sind. Passt aber gut, gerade weil es die scheinbare Naivität des Gebets nicht zum Nennwert nimmt, sondern als hochkultivierte Möglichkeit, unsagbar Einfaches zu sagen. Den Text des Gebets finden Sie hier, Sie können einfach mitsingen.

Seit einiger Zeit ergänzt Google Sucheingaben während der Eingabe mit tollen Antwortvorschlägen. Wer nun nach Kirche sucht, dem wird, sobald er "kir" getippt hat, als allererstes der "kirchenaustritt" nahegelegt. Am Alphabet kann's nicht liegen, ebensowenig an der Anzahl Treffer, also muss die Qualität des Treffers dran schuld sein. Ziemlich erschreckend, dass in Googles doch sonst ganz lebensdienlichen Logik der Kirchenaustritt vor der Kirche kommt.
27/05: Bewundert mich
Sollte der gröbste Schaden unserer Zeit der Narzissmus sein, dann müsste die Hymne unserer Zeit eigentlich „I Wanna be adored“ heissen. Das Stück stammt von der Britpop-Band The Stones Roses und hat jetzt rund 24 Jahre auf dem Buckel. Der unverhüllte Auftritt, den die Selbstliebe in dem Song hat, ist allerdings ist von frappierender Forschheit geblieben:
I dont need to sell my soul
He’s already in me
I wanna be adored
Mehr ist nicht zu sagen, und diese drei Zeilen werden über die knapp fünf Minuten Laufzeit des Songs denn auch nur minimalst variiert: „Ich brauche meine Seele nicht zu verkaufen / Er ist schon in mir drin / Ich will bewundert werden“. „Er“, das ist natürlich der Teufel. Und der schreckliche Verdacht wird hier als banaler Fakt ausgesprochen: Die Selbstbezüglichkeit IST der Teufel; mit ihr ist die Seele schon verkauft. Vertrackt wird die Sache erst dadurch, wie die Stone Roses diese schreckliche Einsicht musikalisch umsetzen: Mit federleichten Gitarrenschlieren, einem satten Tanzbeat und einer hymnischen Jüngel-Stimme. Diese Mittel zusammen mit der textlichen Endlosschlaufe bekennen: Es ist gut so. Himmlisch fast schon. - Es gehört gerade zum Narzissmus, ihn auch noch toll zu finden. Und gerade das ist dann vermutlich das Teufelswerk.
I dont need to sell my soul
He’s already in me
I wanna be adored
Mehr ist nicht zu sagen, und diese drei Zeilen werden über die knapp fünf Minuten Laufzeit des Songs denn auch nur minimalst variiert: „Ich brauche meine Seele nicht zu verkaufen / Er ist schon in mir drin / Ich will bewundert werden“. „Er“, das ist natürlich der Teufel. Und der schreckliche Verdacht wird hier als banaler Fakt ausgesprochen: Die Selbstbezüglichkeit IST der Teufel; mit ihr ist die Seele schon verkauft. Vertrackt wird die Sache erst dadurch, wie die Stone Roses diese schreckliche Einsicht musikalisch umsetzen: Mit federleichten Gitarrenschlieren, einem satten Tanzbeat und einer hymnischen Jüngel-Stimme. Diese Mittel zusammen mit der textlichen Endlosschlaufe bekennen: Es ist gut so. Himmlisch fast schon. - Es gehört gerade zum Narzissmus, ihn auch noch toll zu finden. Und gerade das ist dann vermutlich das Teufelswerk.
11/03: Den Affen machen
Spiel und Tanz sind Ordnungshütern seit Alters her ein Dorn im Auge. Beides verleitet zu heftigen Gefühlen und lässt sich schlecht kontrollieren, beides dient weniger der Erbauung und der Moral, vielmehr der Lust und der – kultivierten – Unkultiviertheit.
Daher erstaunt es nicht, dass eine spannende Auseinandersetzung mit der darwinschen Abstammungslehre ausgerechnet auf dem Feld des Tanzes stattgefunden hat. Gerade der Tanz lässt eine – versuchsweise – Annäherung an wilde, tierische Seiten sehr kultiviert zu. Dazu kam es, als in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Novelty-Tänze (also die bald im Wochenrhythmus erfundenen neuen Tanzschritte und -gesten) einen Höhepunkt erlebten. Im Lauf der Zeit wurden diese Tänze immer extravaganter, so dass sich alsbald, als den Menschen sozusagen die Bewegungen ausgingen, das Tierreich als Bewegungsquelle anbot. Hier zwei Beispiele, das erste aus dem Jahr 1963. Es zeigt Major Lance, einen ziemlich smarten Soulsänger, in einer Fernsehshow mit „Monkey Time“. Der Monkey – der Affe – war 1963 ein Tanzrenner. Lance hält allerdings mit jedweder Affigkeit vornehm zurück, das überlässt er den Damen im Bühnenhintergrund:
Sehr viel weiter geht „Funky Chicken“ (Funky Huhn) von 1971. Rufus Thomas, ein Fachmann für Tieradaptionen, spielt hier ein ganzes Stadion in eine Art Hühnerekstase. Natürlich glaubte beim Tanzen niemand, wirklich ein Huhn zu sein. Aber der Tanz erlaubte eine frivole Testanlage: Wenn wir nun wirklich vom Tier abstammen sollten, könnte das nicht auch eine ganz befreiende, ganz erheiternde Einsicht sein?
Sich also ab und zu zum Affen oder zum Huhn zu machen: Das könnte die ganze angsterfüllte Gekränktheit überflüssig machen, mit der sich der Mensch das Tier und den Darwin vom Hals hält, solange er die Evolutionstheorie mit sozialem Abstieg und moralischem Bankrott verwechselt.
p.s.: Wikipedia hat sich die Mühe gemacht, die Tanzschritte des Monkey-Tanzes zu dokumentieren. Keine falsche Scheu also ...
Daher erstaunt es nicht, dass eine spannende Auseinandersetzung mit der darwinschen Abstammungslehre ausgerechnet auf dem Feld des Tanzes stattgefunden hat. Gerade der Tanz lässt eine – versuchsweise – Annäherung an wilde, tierische Seiten sehr kultiviert zu. Dazu kam es, als in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Novelty-Tänze (also die bald im Wochenrhythmus erfundenen neuen Tanzschritte und -gesten) einen Höhepunkt erlebten. Im Lauf der Zeit wurden diese Tänze immer extravaganter, so dass sich alsbald, als den Menschen sozusagen die Bewegungen ausgingen, das Tierreich als Bewegungsquelle anbot. Hier zwei Beispiele, das erste aus dem Jahr 1963. Es zeigt Major Lance, einen ziemlich smarten Soulsänger, in einer Fernsehshow mit „Monkey Time“. Der Monkey – der Affe – war 1963 ein Tanzrenner. Lance hält allerdings mit jedweder Affigkeit vornehm zurück, das überlässt er den Damen im Bühnenhintergrund:
Sehr viel weiter geht „Funky Chicken“ (Funky Huhn) von 1971. Rufus Thomas, ein Fachmann für Tieradaptionen, spielt hier ein ganzes Stadion in eine Art Hühnerekstase. Natürlich glaubte beim Tanzen niemand, wirklich ein Huhn zu sein. Aber der Tanz erlaubte eine frivole Testanlage: Wenn wir nun wirklich vom Tier abstammen sollten, könnte das nicht auch eine ganz befreiende, ganz erheiternde Einsicht sein?
Sich also ab und zu zum Affen oder zum Huhn zu machen: Das könnte die ganze angsterfüllte Gekränktheit überflüssig machen, mit der sich der Mensch das Tier und den Darwin vom Hals hält, solange er die Evolutionstheorie mit sozialem Abstieg und moralischem Bankrott verwechselt.
p.s.: Wikipedia hat sich die Mühe gemacht, die Tanzschritte des Monkey-Tanzes zu dokumentieren. Keine falsche Scheu also ...
02/03: Playlisten-Narzissmus
Auch in der Musikindustrie herrscht mittlerweile der Überlebenskampf (bzw. der Kampf gegen das böse Internet und seine Gratisangebote). Aber das ist jetzt wirklich nur ein billiges Apropos, um an dieser Stelle auf ein sehr praktisches Angebot im bösen Internet hinzuweisen, das sehr viel Musik erschliesst und nach allgemeiner Einschätzung völlig legal ist: playlist.com.
playlist.com macht zweierlei: Es funktioniert zum einen als MP3-Suchmaschine, indexiert also Lieder und Künstler, soweit die Songs irgendwo im öffentlichen Internet als MP3 zur Verfügung stehen (und ist dabei viel besser als verwandte Angebote wie last.fm). Zum anderen bietet playlist.com dem Benutzer einfache Tools, aus diesen Songs seine Playlisten zusammenzustellen. Diese Listen wiederum kann man sich nicht bloss anhören, sondern, im gewohnten Stil der Community-basierten Webtools, mit Freund und Feind teilen und auf einer eigenen Webseite einbinden. Konkret sieht diese Form des "He, schaut, was für einen distinguierten Geschmack ich hab"-Narzissmus dann etwa so aus:
Ausprobieren schadet nichts, man muss zur Registrierung keinerlei persönlich Daten hinterlassen.
playlist.com macht zweierlei: Es funktioniert zum einen als MP3-Suchmaschine, indexiert also Lieder und Künstler, soweit die Songs irgendwo im öffentlichen Internet als MP3 zur Verfügung stehen (und ist dabei viel besser als verwandte Angebote wie last.fm). Zum anderen bietet playlist.com dem Benutzer einfache Tools, aus diesen Songs seine Playlisten zusammenzustellen. Diese Listen wiederum kann man sich nicht bloss anhören, sondern, im gewohnten Stil der Community-basierten Webtools, mit Freund und Feind teilen und auf einer eigenen Webseite einbinden. Konkret sieht diese Form des "He, schaut, was für einen distinguierten Geschmack ich hab"-Narzissmus dann etwa so aus:
Ausprobieren schadet nichts, man muss zur Registrierung keinerlei persönlich Daten hinterlassen.
14/02: Überleben mit Mobb Deep
New Yorker Darwinismus, zum zweiten: 1995 erschien das epochemachende Album „The Infamous“ von Mobb Deep. Das Duo aus dem Stadtteil Queensbridge reduzierte HipHop in mehrfacher Hinsicht: Soundtechnisch - geblieben waren langsame, extrem reduzierte Beatgerippe, melancholische Piano-Loops und bedrohlich viel Nichts. Reduziert waren die Themen: Überleben in einer Gegend, die vom Staat, der Polizei, der Stadtentwicklung, kurz: der Aussenwelt mehr oder minder aufgegeben war.
Während die Cro-Mags (s. letzter Beitrag) den New Yorker Überlebenskampf aber auf die ganze Welt projizierten, machen Mobb Deep genau die gegenteilige Bewegung: Sie ignorieren die Welt draussen, weil ihre eigene derart eigengesetzlich funktioniert, dass weder sie da raus noch ein anderer da rein kann. Im Song Survival of the Fittest heisst es:
Das Video übersetzt nicht nur sehr schön die nervöse Lässigkeit und die lässige Agressivität dieser Crew. Mit den häufigen Kamerafahrten nach oben werden wir auch ganz automatisch (und relativ erleichtert) aus der Szene genommen, die sich da unten in der Löwengrube abspielt.
Und wie immer zum Schluss: Hier gibt’s den ganzen Text: www.lyricsdepot.com (der allerdings nicht ganz leicht zu verstehen ist, www.urbandictionary.com kann helfen). Und nie vergessen: It’s only music, da kann nichts passieren.
Während die Cro-Mags (s. letzter Beitrag) den New Yorker Überlebenskampf aber auf die ganze Welt projizierten, machen Mobb Deep genau die gegenteilige Bewegung: Sie ignorieren die Welt draussen, weil ihre eigene derart eigengesetzlich funktioniert, dass weder sie da raus noch ein anderer da rein kann. Im Song Survival of the Fittest heisst es:
My crew's all about loot
Fuck lookin cute, I'm strictly Timb boots and army certified suits
Puffin L's, laid back, enjoyin the smell
In the Bridge gettin down it ain't hard to tell
You better realize
We livin this til the day that we die
Survival of the fit only the strong survive
(In meiner Crew dreht sich alles um Beute
Schei** aufs nett Aussehen, Ich trage nur Timberland-Stiefel und Anzüge, die von der Armee zugelassen sind.
Rauche Gras, entspannt, geniess den Geschmack
In Queensbridge dazu gehören, das ist nicht schwer zu sagen
Du kapierst es besser:
Wir leben so bis zum Tag, an dem wir sterben
Überleben der Angepassten, nur die Starken überleben)
Das Video übersetzt nicht nur sehr schön die nervöse Lässigkeit und die lässige Agressivität dieser Crew. Mit den häufigen Kamerafahrten nach oben werden wir auch ganz automatisch (und relativ erleichtert) aus der Szene genommen, die sich da unten in der Löwengrube abspielt.
Und wie immer zum Schluss: Hier gibt’s den ganzen Text: www.lyricsdepot.com (der allerdings nicht ganz leicht zu verstehen ist, www.urbandictionary.com kann helfen). Und nie vergessen: It’s only music, da kann nichts passieren.


