30/07: Loveparade

Ich gestehe, ich lese selten einen Blog. Nun bin ich im Zusammenhang mit diesem schrecklichen Unglück an der Loveparade in Duisburg auf Blogs gestossen, die ich interessant und gleichzeitig erschütternd finde. So verweise ich für einmal auf einen anderen Blog: "Julias Loveparade Blog"
Der letzte Abschnitt von David Signer im NZZ am Sonntag Artikel „Das Wort zum Einschlafen“ finde ich bedenkenswert: „Vielleicht müsste ein Prediger heute wieder bei null anfangen und versuchen, all die Atheisten, Agnostiker, Skeptiker und Soso-la-la-Gläubigen abzuholen. Also die Mehrheit. Das wäre eine radikale Herausforderung. Sonst geht es wahrscheinlich vielen, die sonst kaum in die Kirche gehen, so wie mir: Ein grosser Teil der Predigt perlt schlichtweg ab. Es wäre schön, all das glauben zu können, dachte ich. Aber es schien mir obsolet, banal, diffus. So weit weg wie der leere Himmel an diesem Sonntagnachmittag.“
Dazu folgende Gedanken:
Vieles, was mit Kirche zu tun hat, wirkt für viele Zeitgenossen verstaubt und nicht mehr selbstverständlich, weil es nicht mehr verständlich ist. In einer Zeit, da man sich permenant informiert,pauschal kritisiert und sich gerade in religiöser Hinsicht nachhaltig distanziert, liegt es auf der Hand, dass man nicht mehr weiss, was Religion mit dem eigenen Leben zu tun haben soll.
Ich denke, es gehörte zum Markenzeichen der refomierten Kirche, die Menschen von heute in ihrer momentanen Befindlichkeit miteinzubeziehen. Nicht oberflächlich, modisch und trendig, und auch nicht provokativ oder anbidernd, aber durchaus darauf ausgerichtet, dass man als der Mensch, der man rational und emotional ist, vorkommt, dass man mit seinem Menschsein Platz hat, dass Raum entsteht für die Stille, die Besinnung - auch in einem selbst, dass auch Raum ensteht für das Transzendente, für das, was uns körperlich seelisch übersteigt, für das, was einem heilig ist, wo Dankbarkeit entsteht für das, was wir an Gaben haben. Wo auch der Zweifel Platz hat am Sinn der Welt, so wie sie ist.Wo auch das Erschrecken ab dem leeren Himmel am Sonntagnachmittag Platz hat und ab der Leere in der eigenen Seele. Wo durchaus auch die Empörung ab der Absurdität des Lebens Platz hat.









Category: Diverses
Posted by: Greminger
Was ist eigentlich los, dass mit einem Mal der Kritik an der Predigt der Reformierten in gewissen Medien - im Tages Anzeiger "Uns fehlen die Zwinglis" und in der NZZ am Sonntag "Das Wort zum Einschlafen" - so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird? Was ist eigentlich los, dass diese Kritik gerade jetzt und so gar nicht wohlwollend daherkommt?
Na ja, solange es die anderen trifft, könnte sich ja noch so etwas wie Erleichterung in einem breit machen. Noch einmal davon gekommen. Und nun das: Kommt heute das Mail eines Freundes, der ins gleiche Horn bläst und gut findet, was in den Zeitungen steht und mich gleichermassen in die Kritik mit einschliesst. Er schreibt unter anderem:
"Bräuchte unsere Kirche nicht vermehrt "Herzblut-Prediger mit Charisma", die uns normale Menschen abholen und überzeugen? Die uns in dieser lauen und seichten Welt etwas Tragendes und Verbindliches mitgeben könnten?"
Warum nur ärgert mich diese Frage? Weil sie den Nerv trifft?







08/06: aufwachen

Das Morgen Glockengeläut des St. Peter weckt mich. Schon ist 7 Uhr vorbei. Dabei hatte ich doch früher aufstehen wollen! Um 8 Uhr beginnt das Morgenmahl mit den Pfarrkollegen links der Limmat. Da gehe ich halt ohne Frühstück. Es gibt ja dort auch Kaffee. Soll ich die Nachrichten hören? Ach, die sind ja auch schon vorbei. Zudem habe ich mir vorgenommen, den Ratschlag von Johann Caspar Lavater zu befolgen: „Ich will des Morgens nie ohne Dank und Gebet zu Gott, und ohne den Gedanken aufstehen, dass es vielleicht zum letzten Mal geschehe.“ Wie ich so daliege, bleiben die frommen Gedanken aus. Nicht ganz. Es kommt mir das Gedicht aus den „Leichenreden“ von Kurt Marti in den Sinn. Das scheint mir angemessen.

augen wir haben noch augen,
braucht eure augen
und danket gott
weil ihr noch sehen könnt

ohren wir haben noch ohren
braucht eure ohren
und danket gott
weil ihr noch hören könnt

köpfe wir haben noch köpfe
braucht eure köpfe
und danket gott
weil ihr noch denken könnt

beine wir habennoch beine
braucht eure beine
und danket gott
weil ihr noch gehen könnt

Hier der Tote geht nicht mehr

Ich stehe auf - ich auferstehe - und bin Kurt Marti und Gott dankbar, dass ich noch sehen, hören, denken, gehen kann. Auf wenn dann der Tag ganz anders herauskommt, als ich mir vorgenommen habe. Der Moment beim Aufwachen, da ich noch niemandem gehörte und mir das coole Gedicht von Marti eingefallen ist, bleibt - ein Stück Ewigkeit in der Zeit.

Lavater formulierte in seinem Geheimen Tagebuch 12 Grundsätze, nach denen er sein Leben ausrichten wollte.
Der erste Grundsatz lautet:
„Ich will des Morgens nie ohne Dank und Gebet zu Gott, und ohne den Gedanken aufstehen, dass es vielleicht zum letzten Mal geschehe.“
Inwiefern kann sich Lavater an seine Grundsätze halten? An den ersten zum Beispiel?

„Den zweyten Januar.
Ich erwachte um 6 Uhr; dachte an meine Sterblichkeit, und dankte Gott. Ich gieng sogleich an meine Geschäffte, und setzte sie bis zu Mittage mit gutem Erfolge fort. Ich aß mit gutem Appetite...“

„Den dritten Januar
Ein entsetzlich zerstreuter Tag! -- Ich konnte weder lesen, noch denken, noch arbeiten; aber durch meine eigene Schuld.
Ich schlief in den Morgen hinein, mit einer Trägheit, die unverantwortlich war. Und vermuthlich hätte ich mich noch länger in meinem Bette herum gewälzt, wenn nicht der unerträgliche Gestank der ausgelöschten Nachtlampe mir die Augen geöffnet, und den schönen Wintertag gezeigt hätte. -- Ich lag bis um 9 Uhr im Bette. Welch ein Anblick für Engel! welch ein Anblick für mich, wenn ich zur rechten Zeit aufgestanden wäre, und einen andern gesunden Mann des Morgens um 9 Uhr besucht, und beym Eintritte in sein Schlafzimmer gesehen hätte, was ich hier zeichnen will!
Ein Gesetz sey es mir von nun an, alle Situationen, deren sinnlicher Anblick mehr beschämenden Eindruck macht, als wenn sie bloß mit Worten beschrieben würden, so gut es mir möglich ist, mit vorzuzeichnen, und sorgfältig in meinem Tagebuche aufzubewahren --
Guter Gott! wenn ich alle Situationen von dieser Art nach der Natur gezeichnet, von allen Tagen meines Lebens vor mir hätte -- Wäre es mir noch möglich einen Augenblick stolz oder eitel zu seyn!
Neun Uhr war es also, da ich verdrüßlich über den häßlichen Gestank aufstund -- Der Theekessel stund auf dem Tische, das Wasser war zum Ueberlaufen siedend -- Die Sonne schien durch die halbgefrornen Fensterscheiben mir so stark in die Augen, daß ich, zugleich voll Schaam über mich selbst, so unwillig ward, daß ich nicht wußte, was ich anfangen wollte: --
„Warum hat man mich nicht geweckt? -- was ist das für ein abscheulicher Gestank? -- wo ist die Tobackspfeife?“ Eine Frage über die andere an die Magd, die eben ins Zimmer trat! Erst der 3te Tag des Jahres, dachte ich, da ich allein war, und so schlecht angefangen....“

Lavater beschreibt im „Geheimen Tagebuch“ das alltägliche Gelingen und Versagen. Weil es ihm um das Ganze geht, beschreibt er in kleinen Charakterstudien und Episoden neben dem Erfreulichen auch zentrale menschlichen Schwächen wie mangelnde Freigiebigkeit, Geiz, Schmeichelei, Müssiggang und fehlende Selbstkontrolle. Antriebskraft und zentrales Thema des Tagebuches ist die eigene Todesgewissheit. Ausführlich beschreibt Lavater den Tod eines Freundes und die Trauer.
Aus dem Gespräch mit Gott wird im Tagebuch eine Literarisierung der eigenen Person. Lavater bricht aus dem religiösen System seiner Zeit aus. Sein Tagebuch wird zu einer Art Roman des Ich. Damit prägte Lavater die moderne Sujektivität. Die christliche Tradition formte er dabei so, dass sie ihm seelische, gedankliche und moralische Nahrung blieb. Darum finde ich das „Geheime Tagebuch“ über die Zeiten genial. Es verschafft einen Zugang zu einer ganz besonderen Persönlichkeit im Zürich des 18. Jahrhunderts und regt gleichzeitig zum Nachdenken an über eine eigenständige Religiosität des 21. Jahrhunderts.

Heute beginne ich eine Veranstaltungsreihe zum „Geheimen Tagebuch“ mit der Gründung eines Lavater Lesekreises. Ob ein solcher Lesekreis auf Interesse stösst?
Lavater lässt sich aber nicht mit seiner Physiognomie gleichsetzen. Von den unzähligen Schriften, die er geschrieben hat, finde ich das „Geheime Tagebuch“ das Spannendste und Aktuellste. Es ist alles andere als verstaubt. Seine Ueberschrift lautet: „Geheimes Tagebuch. Von einem Beobachter seiner Selbst. Januar 1769“. Es ist letztes Jahr als Band IV in der Reihe der historisch-kritischen Ausgabe der Werke von Lavater erschienen.
Es beginnt so: „Im Namen des allwissenden und allmächtigen Gottes will ich mit diesem Jahre 1769 ein Tagebuch anfangen. Du mein Herz, sei redlich! Verbirg deine Tiefen nicht vor mir! Ich will Freundschaft mit dir machen, und einen Bund mit dir aufrichten. Wisse, mein Herz, dass unter allen Freundschaften auf Erden keine weiser und segensreicher ist, als die Freundschaft und Vertraulichkeit eines menschlichen Herzens mit sich selber! Wer nicht sein eigener Vertrauter ist, der kann nie ein Freund Gottes und der Tugend werden. Je mehr wir vor uns selber fliehen, desto mehr nähern wir uns der Heuchelei und unter allem in der Welt, was ich nicht gern sein sollte, möchte ich am wenigstens ein Heuchler sein.“

Wäre das nicht ein Anfang einer zukunftsträchtigen Theologie?





Welch herrliches Ratespiel schenkte der erfindungsreiche Lavater mit seinen „Physiognomischen Fragmenten“ seinen Zeitgenossen! Wie lustig und praktisch, dass man mit diesem Rezeptbuch in der Hand dem Nachbarn ins Herz schauen kann. Was nützen einem noch Schminke, Schnürbrüste und alle Künste der Schneider und Frisöre, was nützen jetzt noch Perücken? Was nützen den Herren Erziehern ihre Methoden, nach denen sie den jungen Menschen lehren, ihr Innerstes zu verbergen? Das Schema über die Nasen, die Stirnen, die Münder ist leicht auswendig zu lernen. So dass Fürsten ihre Untertanen, Frauen ihre Männer, der Verehrer die Geliebte mit der Feststellung der geheimsten Eigenschaften überraschen kann. Das physiognomische Ratespiel wurde für eine kurze Zeit Mode, mondänes Gehabe. Jeder sendet seine Silhouette nach Zürich. Der grosse Lavater möge beurteilen, ob die beiliegende Selbstbestimmung zutrifft. Mütter senden Portraits ihrer Kinder. Soll der Sohn Offizier oder Pfarrer werden? Die Tochter Stiftsfräulein oder Hofdame? Der Gatte will den Charakter seiner Gemahlin erläutert wissen. Denn nach dem Fragment 17 sind „solche Augen keiner Treue fähig“. Die Braut will wissen, ob der Bräutigam ihr das versprochene glänzende Auftreten verschaffen wird, denn nach der Tafel der „Stirnen“ im Fragment 9 wäre er des Geizes und der Niedertracht fähig.

Und die Förderung der Menschenkenntnis und der Liebe zum besonderen Menschen als dem Bild Gottes? Zu deren Ehre Johann Caspar Lavater die „Physiognomischen Fragmente“ geschrieben hat?

Die Zeit der Lavaterschen Physiognomie als einem Gesellschaftsspiel ging vorüber. Lavater kam aus der Mode. Seine Schriften verstaubten wie die Porträtsammlung, die 22 000 Blätter seines Kunstkabinetts in der Wiener Hofburg.
So verbrachte ich drei vergnügliche Tage in der Nationalbibliothek im obersten Stock der Hofburg mit prächtigem Ausblick auf den Park mit der Votivkirche im Hintergrund, wo ich damals vor 30 Jahren ganz in der Nähe wohnte. Vom zuvorkommenden Personal des Archivs betreut, schaute ich mir die Kunstsammlung von Johann Caspar Lavater an, die unter dem Dach fachgerecht aufbewahrt ist. Da sind sie also gelagert, die 911 Portfeuilles, Holzkassetten in Buchform mit marmoriertem Ledereinband mit Metallhäkchen zum Verschliessen. In einer Holzkassette hat es 20 bis 30 Porträts, die Lavater anfertigen liess oder die man ihm schickte. Dazu schrieb Lavater jeweils einen Kommentar. Was mich überraschte: ich habe keine Schattenbilder gefunden. Dafür viele Kunstwerke, zB. „Venus tadelt Amor“, „Davids Kampf mit dem Löwen“ von Giulio Romano oder „Die vier Temperamente vor dem ‚Abschied des Calas‘“ von Daniel Chodowiecki, das ich am liebsten mitgenommen hätte. Lange habe ich die morphologische Entwicklungsreihe „Vom Frosch zum Dichter-Apoll“ angeschaut. Das sind 24 kleinformatige Aquarelle. Es beginnt mit einem Kopf eines Frosches, der sich immer mehr zum Menschenkopf entwickelt. Das Schlussbild ist dann der Apoll, das griechische Schönheitsideal.
Was hat Johann Caspar Lavater nur dazu veranlasst, das Verwandlungsmotiv der griechischen Mythologie, da Zeus Menschen bestraft, indem er sie zum Frosch macht, in diese Reihe vom Frosch zum Dichter-Apoll umzukehren?
Nach der „Grande Traversée“ durch die geheimnisvollen Täler und Höhen des Jura und dem Marathon durch erhabene Engadin folgte die Reise nach Wien. Schon lange wollte ich wieder einmal nach Wien. Vor 30 Jahren hatte ich da ein Semester lang studiert. Diesmal wollte ich den Spuren Lavaters folgen. Diese Suche sollte mich in den Dachstock der Hofburg führen und mir drei sehr interessante Tage bereiten.
Johann Caspar Lavater selber war nie in Wien. Aber seine ganze Kunstsammlung landete dort. Wie kam das? Nach Lavaters Tod zeigte es sich, dass sich seine Schulden auf 80000 Gulden beliefen. Kein Wunder bei dessen extensiven Sammeltätigkeit, vor allem für die luxuriöse Ausstattung der „Physiognomischen Fragmente“.
So entschloss sich sein Sohn Heinrich Lavater, die Kunstsammlung seines Vater zu verkaufen. Das waren 22102 graphische Blätter in 911 Portefeuilles und Schüben aufbewahrt. Der Käufer war der damals wohl reichste Oesterreicher, der 26 Jahre alte Reichgraf Moritz von Fries. Am 25. August 1804 meldete Heinrich Lavater nach Wien, dass die 27 Kisten mit einem Gesamtgewicht von 70 Zentnern nach Ulm abtransportiert wurden, um dort auf ein Donauschiff verladen und nach Wien gebracht zu werden. 20 Jahre später musste Fries den Konkurs anmelden. Die Kunstsammlung von Lavater wurde abgestossen. Das war die Stunde von Kaiser Franz. Er übenahm die Sammlung. Als Jugendlicher hatte Franz in Florenz die „Physiognomischen Fragmente“ von Lavater gelesen und sich selbst eine kleine Sammlung von Porträts angelegt. Das Kunstkabinett wurde damit in die Nationalbibliothek in der Hofburg überführt. Kaiser Franz legte fest: „Die Lavatersche Sammlung werde Ich selbst besehen und dann bestimmen, wie sie allenfalls zu ordnen sey.“ Franz war damals 63 Jahre alt und starb 4 Jahre später, ohne sein Vorhaben in die Tat umgesetzt zu haben.
 
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